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Gedanken einer Auswanderin...eine Begegnung im Supermarkt

Gedanken einer Auswanderin...

Im Supermarkt, eine Stimme neben mir: "Können Sie mir sagen, wieviel das kostet?" Ich blicke mich um, eine ältere Dame mit Rollator steht neben mir und lächelt mich an, während sie auf das Schild neben den Müllbeuteln zeigt. Gern helfe ich ihr, während sie bemerkt: "Ach, das brauche ich nicht. Ich ziehe ja um." Interessiert frage ich: "Wohin denn?" "Nach Kanada!" kommt die prompte Antwort. Mein interessiertes Autorenherz meldet sich und ich frage weiter: "Oh, nach Kanada?" Und schon erzählt mir die nette alte Dame ihre Geschichte. Sie erzählt von ihrer Flucht nach Deutschland, als sie im Teenageralter war, die schwierigen Jahre des Verlustes, der Entbehrung..Dann wanderte sie nach Amerika aus. Dort nahm man ihr den Pass weg, sie sollte gezwungen werden, einen Amerikaner zu heiraten. Sie heiratete, wurde Mutter, erzählte mir voll tiefer Verletzung von der Lehrerin ihres Sohnes, die sie als Mörderin bezeichnete, weil sie eine Deutsche war. Mit vielen anderen Schimpfworten wurden sie und ihre Kinder beleidigt. Ich spüre, dass dieser Schmerz noch in ihr steckt, immer noch, nach den vielen Jahren...

Sie erzählt weiter von ihrem Leben in Amerika, von Freunden, die sie dort auch fand. Dann folgte ein weiterer Umzug nach Kanada, bis sie schließlich wieder in Deutschland landete und ihren Lebensabend nun in Kanada verleben möchte. Sie spricht von dem Gejammer der Deutschen..und spricht von den Lebensumständen in Amerika und Kanada. Sie erzählt davon, dass auch sie ein Flüchtling war vor langer Zeit, nichts hatte und mit 15 Jahren den Lebensunterhalt für ihre 9 Geschwister bestreiten musste.  Und sie spricht von der überwältigenden Unterstützung der Deutschen gegenüber den Flüchtlingen, die heute nach Deutschland kommen.

Sie spricht von Unmenschlichkeit und dass den Deutschen die Dankbarkeit abhanden gekommen ist.

Ich höre zu und denke, diese alte Dame von 88 Jahren hat so recht. Wir sollten...ich sollte viel dankbarer sein...

Ich erlebe keinen Hunger, keine materielle Not, lebe in einem freien Land...

Wir verabschieden uns, ich wünsche ihr alles Gute, und gehe nachdenklich meinem Einkauf nach.

Ihre Worte beschäftigen mich immer noch. Wir sollten viel mehr die Lebensgeschichten und Weisheiten der älteren Generation hören, die soviel mitgemacht haben und es zu schätzen wissen, in Freiheit zu leben, ohne Hunger, ohne Krieg...

Ich arbeite gerade an einem neuen Roman über eine 88jährige Frau, die diese Zeit der Flucht in ihrem Herzen trägt. Vielleicht war es für mich gerade deshalb so interessant, mit der Auswanderin im Supermarkt zu sprechen.

"Wir sollten dankbarer sein!" sagte sie, ihr Gesicht zeigte sich dabei sichtlich gerührt.

Die Worte der älteren Dame will ich nicht vergessen. Ich will mich mehr auf das konzentrieren, wofür ich dankbar sein kann.

Ist es nicht auch das was Gott will? "Seid dankbar in allen Dingen!"

Danken zieht nach oben, jammern zieht nach unten. Ist es wirklich so einfach?

Wenn das eine Dame sagt, die soviele Verluste in ihrem Leben erlitten hat, dann kann es nur wahr sein.

In diesem Sinne...Ich will dankbarer sein, heute, jetzt und hier.

 

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